Vermehrung der Denkkulturen (Propagating the culture of thinking)

[ Mon. Apr. 21. 2008 ]

Wer erinnert sich noch an die «dritte Kultur»? Das Schlagwort, das der amerikanische Literaturagent John Brockman vor bald anderthalb Jahrzehnten zum Markenzeichen zu promovieren versuchte, war eine Mogelpackung. Es knüpfte an die von C. P. Snow 1959 in Umlauf gebrachte Rede von den zwei intellektuellen Kulturen an, die einander fremd und verständnislos gegenüberstünden. Die Kluft zwischen der literarisch-geisteswissenschaftlichen und der technisch-naturwissenschaftlichen Denkungsart, so suggerierte das heute kaum noch benutzte Etikett, werde von einer dritten überbrückt.

Dialoge, Blickwechsel

Doch die vorgeblich dritte hatte entschieden mehr mit der naturwissenschaftlichen als mit der geisteswissenschaftlichen Weise gemein, Mensch und Welt, Natur und Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Alles in allem lief das Unternehmen darauf hinaus, einem in der Tendenz naturalistischen Weltverständnis im intellektuellen Diskurs und in der öffentlichen Meinungsbildung mehr Geltung zu verschaffen. Das lässt sich auch an dem Web-Journal «Edge» ablesen, das – einer anspruchsvollen Wissenschaftspopularisierung verpflichtet – von der Kampagne von einst noch übrig geblieben ist (www.edge.org). Manche Anzeichen, nicht zuletzt der um sich greifende Hirn-Talk, sprechen dafür, dass der Naturalismus in vielerlei Spielarten tatsächlich zu einer Weltanschauung von erheblicher Schubkraft geworden ist.

Auf dem weiten, von Erdspalten durchbrochenen Feld der Zwei-bis-drei-Kulturen-Debatte bewegt sich auch ein neues Projekt aus dem Hause Suhrkamp. Der Frankfurter Verlag hat eine Buchreihe aus der Taufe gehoben, die sich (in Partnerschaft mit «Spiegel online») erklärtermassen von der «Deutungshoheit» herausfordern lassen will, die die Naturwissenschaften im intellektuellen Raum mittlerweile erlangt hätten. Die Reihe trägt den Namen des einstigen, vor wenigen Jahren verstorbenen Verlegers. Zwar hat Siegfried Unseld sich persönlich nicht mit Erkundungsgängen auf jenem weiten Feld der zwei oder mehr Kulturen hervorgetan, doch immerhin ein Faible für Goethe gehabt. Als Fingerzeig auf eine goetheanische, auf eine ganzheitliche Natur-und-Geist-Wissenschaft der «dritten» Art wird man dies aber nicht missverstehen wollen. Es ist, wie Ulla Unseld-Berkéwicz in der Vorschau zum ersten Programm der «edition unseld» andeutet, eher um Dialoge und Blickwechsel zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sowie darum zu tun, das «Für und Wider einer naturalistischen Weltsicht» zu erörtern.

Die ersten acht Bände der neuen Edition sind seit gestern auf dem Markt. Ausser dem handlichen Format und der Bezeichnung der Reihe erinnert äusserlich wenig an die vor fünfundvierzig Jahren begründete «edition suhrkamp». Auch die von Band zu Band wechselnden bunten Farben tun es nicht, denn sie fächern sich nicht im Spektrum des Regenbogens auf. Was indes die Themen und Gehalte angeht, so wären einige der jeweils zehn Euro kostenden booklets ohne weiteres in der altehrwürdigen und gleichwohl immer wieder auf die Kammhöhen der Zeit strebenden «edition suhrkamp» gut aufgehoben – und die restlichen passten womöglich in Suhrkamps Wissenschaftstaschenbücher («stw»). Gegen Aufmerksamkeitserzeugung durch Reihenvermehrung ist, andererseits, wenig einzuwenden.

Die «eu»-Nummer eins trägt ein Gedankengang der in Pittsburgh arbeitenden Wissenschaftsphilosophin Sandra Mitchell. Dessen Titel ist, wie es sich ziemt, anfänglich und programmatisch ausgefallen: «Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen». Die Autorin wirbt für einen «integrativen Pluralismus» der Perspektiven und Prinzipien. Freilich hat sie kein «Anything goes» im Sinn. Wissenschaftliche Erklärungen und Theorien sind für Mitchell, wenn gut belegt, nach wie vor «repräsentative Abbilder der Welt». Die Philosophin hält lediglich die – in den Wissenschaften allerdings gängige – Annahme für verfehlt, es könne nur die eine und einzig wahre Erklärung geben. Depressionen beispielsweise seien nur als «komplexe Kombination aus biochemischen, neurologischen, psychischen und körperlichen Zuständen» begreifbar. Deutlicher als die Antwort auf die Frage, wie das Zusammenspiel verschiedener Erklärungsmodelle im Einzelnen aussehe, konturiert sich der antireduktionistische Impetus, der den wissenschaftlichen Willen zur Komplexität befeuert.

Beschränkungen der Forschungsfreiheit

In der theoretischen Physik, die nach elementaren und elementarsten Teilchen sowie nach den Grundkräften fahndet, die die Welt zusammenhalten, hat der Reduktionismus naturgemäss nach wie vor eine Heimstatt. Eine antireduktionistische Gegenbewegung macht sich indes seit einiger Zeit bemerkbar. Robert B. Laughlin hat sich mit seinem «Abschied von der Weltformel» (dt. Piper 2007) an deren Spitze gestellt. Der in Stanford lehrende Nobelpreisträger ist in der «edition unseld» jedoch mit einem anderen Thema vertreten. Er schlägt sich in seinem Essay «Das Verbrechen der Vernunft» mit den Beschränkungen herum, die die sogenannte Wissensgesellschaft dem Wissenserwerb und der Wissensverwertung auferlegt – um der Sicherheit oder um der ökonomischen Verwertbarkeit willen. Es geht also um Forschungs- und Informationsfreiheit, um geistiges Eigentum, Patent- und Urheberrecht; und manches geht – eine eigene Form der Komplexitätssteigerung – auch durcheinander.

Weniger komplex, konzentrierter nämlich ist das Gespräch geartet, das der Frankfurter Neurophysiologe Wolf Singer und Matthieu Ricard, einstmals Molekularbiologe, seit langem aber buddhistischer Mönch, führen. Es entspricht dem Dialog-Auftrag der neuen Edition am ehesten. Die «kontemplative Wissenschaft» der Meditation und die analytische der Hirnforschung sind bei der Erkundung ihrer Gemeinsamkeiten und ihrer Unterschiede allerdings bisweilen so konzentriert, dass sie auf der Stelle treten.

Der Münchner Zoologe und Ökologe Josef H. Reichholf prangert falsche Vorstellungen von «natürlichen» Gleichgewichten an, die in unseren Köpfen herumspukten. In der Natur herrschten allenfalls Fliessgleichgewichte, in denen sich Ungleichgewichte zeitweise stabilisierten. Sein munteres Plädoyer für eine «Ökologie der Zukunft» operiert mit methodisch wenig kontrollierten Verschränkungen sozialer und ökologischer Perspektiven; auch das mag eine Möglichkeit sein, die Kluft zwischen den Denkkulturen zu schliessen: «Die Natur braucht Ungleichgewichte, damit Neues entstehen kann. Die Gesellschaft auch!»

Noch skizzenhafter und spekulativer präsentiert sich eine maschinenstürmerische «Streitschrift» von Dietmar Dath, dem vielseitigen Autor und ehemaligen «FAZ»-Redaktor. Deren diagnostischer Kernsatz lautet: «Wir leben, wie wir leben, nur, weil es Maschinen gibt, aber wir leben gleichzeitig so, als könnten wir dem, was sie tun, keine Richtung geben.» Ob die Richtung aber tatsächlich mit der Reaktivierung eines – im Vagen bleibenden – sozialistischen Gedankenguts gefunden und gegeben werden kann? – Auch der Pariser Kulturwissenschafter Bernard Stiegler, der offenbar Wert darauf legt, dass seine Leser wissen, dass er von 1978 bis 1983 wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis sass, nimmt fatale Auswirkungen der Technologie ins Visier und registriert – gleichfalls ein wenig altmodisch erscheinend – den «Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien». Triebgesteuerte, unkonzentrierte, ichschwache, unmündige Wesen würden durch den Kurzschluss von psychischem und elektronischem Apparat gezüchtet.

Die Überraschung: Descartes

Erfreulicheres weiss von der Mensch-Maschinen-Schnittstelle Rolf Landua vom Europäischen Laboratorium für Elementarteilchenphysik (Cern) in Genf zu berichten. Einem Besucher erläutert er in seinem fiktiven Dialog «Am Rand der Dimensionen», zwar vermöge kein Einzelner den Grossapparat eines Beschleunigers zu überschauen, aber das Kollektiv – und nur es – sei «in der Lage, ein solches Gerät zu verstehen und richtig zu nutzen». Die wissenschaftliche Grossforschung, so spekuliert der Physiker – und der Leser fühlt sich an Teilhard de Chardin erinnert –, markiere vielleicht so etwas wie «den Beginn der nächsten Stufe» der kosmischen «Bewusstseinsentwicklung». Dass sogar Gott im Cern Platz finden kann, wundert darum nicht.

Auch das Haus der Edition Unseld hat viele Zimmer. Der Passepartout, der sie dem Leser allesamt öffnete, ist am Portal allerdings nicht hinterlegt worden; man muss ihn erst noch finden. In einem Gelass unterm Dach hat der Dichter und Essayist Durs Grünbein sein Schreibpult aufgestellt und drei «lockere Meditationen» zu Descartes zu Papier gebracht. Auf mitunter überraschende Weise bricht er dem Gedanken Bahn, ausgerechnet mit diesem Renatus Cartesius, dem unter Naturfreunden schlecht beleumundeten Philosophen des Leib-Seele-Dualismus, lasse sich die «Kulturdichotomie» zwischen Poesie und Wissenschaft «spielerisch» aufheben.

Nicht alle der acht ersten Bände der «edition unseld» zeugen von einem souveränen spielerischen Intellekt, nicht alle sind ausgegoren, keiner ist unentbehrlich – und doch hat ein jeder Kontakt mit dem, was an der Zeit wäre.

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