Ein neuer Humanismus

[ Wed. Jun. 25. 2008 ]

Es gibt Dinge, die lassen sich schlecht mischen: Wasser und Öl zum Beispiel. Oder Natur- und Geisteswissenschaftler. Doch sie nähern sich an.

Natur- und Geisteswissenschaftler kann man mit Gewalt zusammenbringen, aber lässt man sie dann eine Weile in Ruhe, neigen sie dazu, sich zu entmischen und am Ende wieder säuberlich getrennt vorzuliegen. So jedenfalls lautet das weit verbreitete Urteil über die akademische Landschaft in Deutschland.

Es könnte allerdings sein, dass die Widerstände abnehmen. Vor kurzem fand in Nürnberg eine Tagung zum Thema „Neuer Humanismus“ statt. Wissenschaftler und interessierte Laien hatten sich in der Nürnberger Burg versammelt, um zu diskutieren: Über Aufklärung und Atheismus, Epikur und Evolution, Hedonismus und Humanismus. Bemerkenswert dabei: Trotz des „geisteswissenschaftlichen“ Themas waren viele Naturwissenschaftler anwesend.

Eckart Voland zum Beispiel. Er ist Biologe und Professor für Philosophie der Biowissenschaften in Gießen. Er beschreibt sich als „Quereinsteiger in der Philosophie“. Voland hält es für wichtig, dass auch Naturwissenschaftler an ethischen Diskussionen teilnehmen: „Viele gesellschaftliche Entwürfe gehen von falschen Voraussetzungen aus“, sagt er. Bei der Feindesliebe zum Beispiel. Jahrtausendelang wurde sie von der Bibel propagiert, aber Voland hält sie für unvereinbar mit der menschlichen Natur. Der Mensch sei schließlich ein Produkt der Evolution, und Feindesliebe habe in der freien Wildbahn wenig Vorteile.

Ein anderes Problem sieht er im Rückgriff auf dualistisches Denken, in der Tatsache, dass „Evolution immer als nicht mehr zuständig erklärt wird, wenn es um mentale Zustände geht.“ Dabei sei das Gehirn ebenso der Evolution unterworfen wie jedes andere Organ. Sein Fazit: „Der Naturwissenschaftler kann helfen, das Fundament zu beschreiben, auf dem jegliche erfolgreiche Politik stehen muss.“ Sonst bestehe die Gefahr einer „Ethik, die an der Welt vorbeigeht“.

Der Kölner Physiker Bernd Vowinkel hat an der Tagung teilgenommen, „weil halt die neuen Technologien in das althergebrachte Menschenbild eingreifen“. Vowinkel meint Entwicklungen wie Roboter, Gehirnchips, künstliche Intelligenz und Prothesen, die die Leistungsfähigkeit des Menschen erhöhen. „Geistes- und Naturwissenschaften müssen stärker zusammenwachsen“, fordert er.

Damit steht er nicht alleine. Bereits 1959 beklagte der Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow, dass die Geistes- und Naturwissenschaften auseinanderdrifteten. Snow prägte das bis heute aktuelle Wort von den „zwei Kulturen“. Gleichzeitig sagte er eine „dritte Kultur“ voraus, eine gemeinsame Kultur von Geistes- und Naturwissenschaftlern.

Mitte der neunziger Jahre fand der amerikanische Literaturagent John Brockman diese dritte Kultur. Sie sah anders aus als Snow sie sich vorgestellt hatte: Brockman stellte fest, dass Naturwissenschaftler wie der Biologe Richard Dawkins oder der Physiker Roger Penrose sich direkt an die Öffentlichkeit wendeten und eine Erklärfunktion übernahmen, die früher literarisch gebildete Geisteswissenschaftler übernommen hatten. Brockmann nannte dies die dritte Kultur.

Inzwischen nimmt aber auch Snows ursprünglicher Gedanke langsam Realität an. Eine zweite dritte Kultur bahnt sich an. In Deutschland bewegen sich Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler aufeinander zu. Der Wille beider Seiten zum Verständnis des anderen wächst, trotz praktischer Probleme.

Der Biologe Josef Reichholf sieht in der Kommunikation Defizite. Besonders „das starre Festhalten an Worten, die nur scheinbar gut definiert sind“ erschwere das Gespräch. Auch die Unis seien schuld: „In Deutschland wird bei der Ausbildung des akademischen Nachwuchses nicht fächerübergreifend vorgegangen“, beklagt er. Trotz alledem ist sein Fazit optimistisch: „Positive Ansätze sind vorhanden.“ Kai Kupferschmidt

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