Das Unbehagen an der digitalen Macht

[ Sat. Apr. 10. 2010 ]

Die Träume der Netz-Utopisten und die Wirklichkeit: Ist das Internet ein Medium der Emanzipation und des Umsturzes - oder ein Werkzeug der Kontrolle und der Unterdrückung? Haben Twitter und Facebook die Rebellion in Iran befeuert, oder halfen sie, die Rebellen zu enttarnen? Ein skeptischer Dialog

Clay Shirky: Wenn die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton Sie um einen Rat bäte, wie sie das Internet einsetzen könnte, um die außenpolitischen Ziele der Vereinigten Staaten voranzutreiben, was würden Sie ihr sagen?

Evgeny Morozov: „Richtet keinen Schaden an!“ Wenn die Beamten im Außenministerium sehr enge und marktschreierisch verkündete Allianzen mit Google, Twitter oder anderen großen Technologieunternehmen eingehen, lassen diese Firmen sie so aussehen, als wären sie die Reinkarnation von „Radio Free Europe“ im Netz, ein „Radio Free Internet“, wenn man so will. Das sind sie aber nicht. Diese Unternehmen haben ihre eigenen kommerziellen Absichten. Es geht ihnen vor allem darum, Geld zu verdienen, nicht darum, amerikanische Ideale zu verbreiten. Ja, das Internet kann Google dabei helfen, mehr Anzeigen zu verkaufen, und zugleich amerikanische Interessen fördern. Aber so funktioniert das Außenministerium nicht. Zumindest theoretisch fördern wir ein freies Internet nicht, weil Amerika dadurch mehr Bücher, Filme und Zeitungen verkaufen kann (Dinge zu kaufen, Öl zum Beispiel, ist wieder eine ganz andere Geschichte!). Wir fördern die Freiheit im Internet um der Freiheit willen. Die eigentliche Frage ist also, wie wir die unleugbare Macht dieser Firmen zu unserem Vorteil nutzen können, ohne sie wie einen verlängerten Arm der amerikanischen Außenpolitik erscheinen zu lassen.

Wenn also jemand vom Auswärtigen Amt die Geschäftsführer von Google oder Twitter auf eine Weltreise oder nach Sibirien mitnimmt, wirkt das in meinen Augen lächerlich und schlicht falsch. Die Leute beäugen diese plötzliche Nähe zwischen Politikern und Unternehmen skeptisch, zumal Google auch noch mit dem Nachrichtendienst „National Security Agency“ kooperiert. Wenn ich für eine Regierung arbeiten würde, ganz gleich, ob sie autoritär oder demokratisch ist, wäre ich nicht besonders glücklich darüber, wenn die Mehrheit der Bürger ihren E-Mail-Verkehr über eine Firma abwickelt, die geheime Beziehungen mit Einrichtungen wie der Nationalen Sicherheitsbehörde unterhält. Das ist eine legitime Sorge. Wollen wir wirklich, dass Google unser nächstes Halliburton wird, jener Zulieferer der amerikanischen Armee im Irak, der wegen seiner Verbindungen zum ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney immer wieder in die Schlagzeilen geriet?

Shirky: Nehmen wir das Beispiel Facebook. Die iranische Regierung hatte den Dienst vor der Wahl im vergangenen Juni tatsächlich gesperrt, im Unterschied zu Twitter, Mobiltelefonen und Proxy-Servern, von denen so viel die Rede ist. Niemand wusste damals, was nach der Wahl kommen würde, und trotzdem hat die iranische Regierung Facebook abgeschaltet. Glauben Sie, dass das eine Überreaktion war? Dass Facebook und Twitter in Wirklichkeit als politische Werkzeuge nicht besonders effektiv sind und die iranische Regierung insofern überreagierte? Oder glauben Sie, dass diese Dienste im vergangenen Juni sehr wohl Auswirkungen hatten, es der iranischen Regierung inzwischen aber gelungen ist, sie zu neutralisieren?

Morozov: Facebook ist ein spezieller Fall, wenn wir von Iran sprechen. Während des ganzen Wahlkampfs von Januar bis Juni 2009 ist dieser Dienst diverse Male gesperrt und wieder freigegeben und dann von neuem gesperrt worden. Aber in meinen Augen sagt das nichts über Facebook aus - nur, dass die Iraner in der Lage waren, es zu sperren, und es dann auch taten. Eine besondere politische Bedeutung von Facebook lässt sich daraus nicht ableiten. Man braucht sich nur andere Länder anzuschauen, etwa Kambodscha, wo 2007 während der Wahlen eine sogenannte „Ruheperiode“ verhängt wurde und alle Mobilfunkanbieter zustimmten, für drei Tage sämtliche SMS-Dienste abzuschalten. Hat die Regierung mit einer SMS-Rebellion gerechnet? Glaube ich nicht. Der Punkt ist vielmehr: Sie konnten es tun, also taten sie es.

Shirky: Wie man es in Singapur mit Blogs gemacht hat. Mir scheint das aber doch ein Hinweis auf echte politische Ängste zu sein. Singapur und Kambodscha betteten diese Zensur in positive politische Werte ein: Die politische Logik lautete, dass die Bürger dank dieser Ruheperiode besser imstande wären, darüber nachzudenken, wer den geeigneteren Staatsführer abgäbe, als etwa, Gott behüte, mit ihren Freunden und Nachbarn darüber zu diskutieren. Ich nehme ihnen diese Logik nicht ab, aber selbst wenn man politische Zensur auf diese Weise verkauft, scheint mir die Zensur eine eindeutig politische Maßnahme zu sein.

Wenn ich sehe, dass Kambodscha oder Singapur oder Iran einen Dienst schließen, der die soziale Koordination verbessert, dann reagiere ich darauf im Geiste vom „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, wie ihn Jürgen Habermas beschrieben hat. Diese Regime versuchen sehr gezielt, die Öffentlichkeit zu schwächen. Und wenn das eine politische Entscheidung ist, dann frage ich mich: Haben diese Regime recht, wenn sie sich vor einer besseren sozialen Koordination der Öffentlichkeit fürchten?

Ich glaube ja. Nehmen Sie die Unruhen von 2007 in Burma, wo die Regierung dann panikartig die Kommunikationsmittel abgeschaltet hat, die orangene Revolution in der Ukraine oder die erfolgreichen Proteste in Moldawien vergangenes Jahr - alle Beispiele sprechen in meinen Augen dafür, dass sich diese Staaten von Bedingungen bedroht fühlten, unter denen sich eine Öffentlichkeit mit sich selbst identifizieren und sich miteinander abstimmen kann. Selbst wenn diese Öffentlichkeit nur aus einer relativ kleinen Elite besteht. Das ist einer der Aspekte, die ich verstehen möchte. Denn wenn wir auch nicht in diametralem Gegensatz zueinander stehen, sind wir hier offensichtlich sehr unterschiedlicher Meinung. Glauben Sie, dass der Abstimmungseffekt in einer politisch engagierten Öffentlichkeit erstens möglich und zweitens politisch ist; und wenn ja, wie sollten sich die Vereinigten Staaten dazu verhalten?

Morozov: Zunächst einmal hat die Zensur symbolische Bedeutung. Die Zensur hilft beispielsweise der iranischen Regierung, dem Rest der Welt zu zeigen, dass sie das Heft noch in der Hand hat. Den Behörden wäre es sehr lieb, wenn jeder glauben würde, dass sie mit ihren Versuchen, Facebook zu sperren, erfolgreich sind - auch wenn das genau genommen nicht stimmt. Am liebsten würden sie eine Presseerklärung herausgeben: „Ja, wir sperren Facebook, weil immer noch wir das Sagen haben. Wir können es tun, und wir werden es tun.“

Schauen wir aber einmal hinter den symbolischen Nutzen, den Regierungen aus Propagandamaßnahmen ziehen. Ich glaube, die iranischen Behörden waren mit ihren Netzblockaden deshalb so erfolglos, weil sie einen enormen Gewinn darin sehen, regierungsfeindliche Iraner bei der Koordination ihrer Aktionen zu beobachten: bei der öffentlichen Koordination auf Facebook und Twitter, wohlgemerkt. So können sich die Behörden nämlich im Voraus über die Arten von Gruppen und Bedrohungen, die sich bilden, schlaumachen. Wir vergessen diesen geheimdienstlichen Wert gern. Und zum Zweiten glaube ich auch nicht, dass die Abstimmungsprozesse, von denen Habermas sprach, in Tagen, Stunden und Tweets gemessen wurden, sondern in Jahrzehnten, Jahrhunderten und Büchern.

Aber abgesehen davon: Waren denn die iranischen Onlinekampagnen wirklich so hochgradig synchronisiert, und wie hat das die eigentlichen Proteste beeinflusst? Ja, hier gab es eine sehr dynamische Onlinekampagne - aber dass die sich auf die Koordination in der wirklichen Welt erstreckt hätte, konnte ich kaum feststellen. Wie viele Demonstranten, die vorher nicht eingeweiht waren, sind wegen etwas, das sie bei Twitter oder auf Facebook lasen, dann wirklich auf die Straße gegangen? Es gab zwar ein hohes Maß an Abstimmung in der digitalen Welt, aber dass dies zu koordinierten Straßenprotesten geführt hätte, bezweifle ich eher.

Shirky: Ich glaube nicht, dass es sich überhaupt in koordinierten Protesten hätte niederschlagen können. Auf mich machten die Demonstrationen in Teheran nicht den Eindruck, als wären sie ernsthaft gesteuert. Sie wirkten eher wie Lavaströme als wie geplante Ereignisse. Wenn ich aber nach einem herausragenden Fall dafür suche, wie die digitale Koordination die Politik in der realen Welt verändert, dann denke ich an die Rolle der Frauen.

Nur ein Beispiel: die Proteste von 2008 in Südkorea, die sich gegen die Einfuhr amerikanischen Rindfleischs nach Ausbruch des Rinderwahns richteten. Diese Proteste lebten davon, dass Frauen sich zu Wort melden konnten, und zwar in einer politischen Umwelt, in der sie sonst erheblich eingeschränkt sind. Oder denken Sie an Neda, die berühmtgewordene Märtyrerin der Protestwelle in Iran - auch dazu wäre es wahrscheinlich ohne diese technischen Mittel nicht gekommen. Wir können hier zwar nur mit wenigen Beispielen argumentieren. Und doch halte ich es für unwahrscheinlich, dass Frauen ohne die sozialen Medien eine solche Präsenz in den Protestbewegungen erlangt hätten.

Morozov: Ich bin kein Experte für iranische Frauen, aber soweit ich weiß, experimentiert man dort seit mindestens einem Jahrzehnt mit sozialen Medien. Die Frage lautet auch hier: Warum hat sich in Iran so viel in den sozialen Medien getan? Ganz einfach, weil so viele Menschen auf sie zugreifen können. Wenn man es so betrachtet, sind die meisten Aktionen in sozialen Medien bloß ein Epiphänomen: Sie kommen zustande, weil jeder ein Mobiltelefon hat. Und dennoch: Millionen wütender Tweets und Handykameras, die auf Gesichter gerichtet waren: das alles hat die Regierung nicht davon abgehalten, die Demonstrationen gewaltsam aufzulösen.

Und nun sehen Sie sich an, was in Iran in den vergangenen neun Monaten passiert ist: Die Proteste sind im Sand verlaufen, die Spaltung des Lands vertieft sich. Viele Menschen mussten auswandern, viele wurden eingesperrt, viele getötet. Was die politische Situation im Land angeht, sieht sie mir ziemlich trostlos aus: Sollte sich etwas zum Guten entwickelt haben, dann vermag ich das nicht zu erkennen. Die brutalen Typen wären auch ohne soziale Medien da.

Shirky: Man könnte sogar fragen, ob eine existierende engagierte Öffentlichkeit Regierungen eher brutaler werden lässt, als dass es sie bereitmachte für den Wandel.

Morozov: Ich war unter anderem deswegen so unglücklich darüber, wie die Medien über die Rolle des Internets in Iran berichteten, weil sie fast ausschließlich gefragt haben, was das Netz für die Protestbewegung bedeutete. Sein Einfluss auf alles andere wurde dabei ausgeblendet. Wenn wir uns aber nur darauf konzentrieren, wie sich Menschen vor, während und nach Wahlen mit Hilfe sozialer Medien koordinieren, dann entgehen uns viele andere, zumal die langfristigen Wirkungen des Internets auf das öffentliche, soziale und politische Leben in autoritären Staaten.

Sollten wir uns nicht auch fragen, ob das Netz die Menschen empfänglicher für nationalistische Botschaften macht? Oder ob es eine gewisse - hedonistisch gefärbte - Ideologie befördern könnte, die die Menschen faktisch mehr denn je von einem sinnvollen politischen Engagement abhält? Verhilft es in autoritären Staaten sogar bestimmten nichtstaatlichen Kräften zur Macht, die nicht unbedingt auf Demokratie und Freiheit hinarbeiten? Dies alles sind schwierige Fragen, die wir nicht beantworten können, wenn wir uns nur darauf konzentrieren, wer während einer Protestwelle einen Machtzuwachs verzeichnet - der Staat oder die Demonstranten. Weil manche Länder, nun ja, so viele Protestwellen nicht erleben. Oder Wahlen. In China gibt es keine landesweiten Wahlen.

Wenn wir uns also fragen: „Wie beeinflusst das Internet die Chancen für eine Demokratisierung in einem Land wie China?“, dann müssen wir mehr in Betracht ziehen als die Fähigkeit der Bürger, miteinander oder mit ihren westlichen Unterstützern zu kommunizieren. Jüngst stieß ich auf eine überaus faszinierende Statistik: Anscheinend hat die chinesische Regierung bis 2003 120 Milliarden US-Dollar fürs E-Regieren ausgegeben und um die 70 Millionen für das Goldene Schild, ihr Zensurprojekt. Wenn man diese beiden Zahlen vergleicht, dann spürt man, wie begeistert die Chinesen von den Möglichkeiten des E-Regierens sind. Überraschend ist das nicht: Es kann der Regierung zu größerer Effizienz verhelfen und sie transparenter und resistenter gegen Korruption wirken lassen. Das würde ihre Legitimität nur erhöhen. Aber wird es auch zu einer Modernisierung der kommunistischen Partei führen? Gewiss wird es das. Wird es zur Errichtung demokratischer Institutionen führen, wie wir sie in liberalen Demokratien erwarten? Womöglich nicht. Auf die Frage, ob China sich wirklich funktionierenden demokratischen Institutionen öffnen wird und welche Rolle das Internet in diesem Prozess spielt, gibt es keine eindeutigen Antworten.

Shirky: Das macht diese Fragen ja auch so interessant - dass man sehr schnell in einen philosophischen Strudel gerät. Man denkt, man fragt sich etwas über Twitter, und merkt auf einmal, dass man eigentlich nach Hayek und Märkten fragt, zum Beispiel. Ich habe aber ein Vorurteil, das da lautet: Undemokratische Regierungen sind langfristig miserabel darin, Marktwirtschaften zu steuern. Das ist eine Grundannahme, die natürlich den Kontext betrifft, in dem sich digitale Öffentlichkeiten bilden.

Morozov: Aber die Wahrheit ist, dass es schon vor Twitter Revolutionen gab.

Shirky: Ja, natürlich.

Morozov: Und wir haben die entsprechenden Kräfte irgendwie unterstützt, ob durch den Schmuggel von Technik wie in Polen, wo wir Kopiergeräte ins Land brachten, oder bloß durch solche Maßnahmen wie die, den polnischen Dissidenten regelmäßige Kontakte zur katholischen Kirche zu ermöglichen.

Shirky: Aber Kopiergeräte schmuggeln, das heißt doch gerade, die Kommunikationsmittel in die Gleichung mit einzubeziehen!

Morozov: Sie waren am Ende wohl nicht ganz so ausschlaggebend, es war eher sein grundlegender Mangel an ökonomischer Nachhaltigkeit, der den Zusammenbruch des Kommunismus herbeiführte. Und genauso könnte es langfristig eher unerheblich sein, wie viele Tweets heute nach Iran geschmuggelt werden.

Shirky: Dann werde ich jetzt als Gegenargument vorbringen, warum ich glaube, dass es nicht unerheblich sein wird: Die iranische Regierung hat angekündigt, Googles Mail-Dienst zu verbieten und ihn durch einen „nationalen E-Mail-Dienst“ zu ersetzen. Ich glaube nicht, dass die iranische Regierung dazu fähig sein wird, einen guten Ersatz für Google Mail zu betreiben. Nicht wegen der Zensur. Sondern weil ich nicht glaube, dass sie über ausreichend talentierte Systemadministratoren verfügt. Ich glaube nicht, dass sie die Technologie aufrechterhalten kann. Das wird zu Lasten der wirtschaftlichen Produktivität gehen. Nun kann man auf ein halbes Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzichten, wenn der Ölpreis über 100 Dollar pro Barrel liegt, nicht aber, wenn er bei 70 Dollar und darunter bleibt. Wir haben schon einmal darüber diskutiert, ob sich Iran in ein „Burma auf Zeit“ verwandeln könnte. Ich glaube, dass Twitter, Facebook und so weiter Iran zu einem erheblichen Kompromiss gezwungen haben, bei dem die Führung gewillt ist, die eigene Kommunikationsinfrastruktur zu schwächen, was nichts anderes heißt, als Zehntelprozente des BIP preiszugeben, um die Erhebung zu kontrollieren. So nachvollziehbar das aus ihrer Sicht ist - es scheint mir langfristig ein gefährlicher Zug zu sein.

Morozov: Aber Sie wollen nicht suggerieren, dass das Regime zerfällt, wenn es Google Mail nicht verbietet?

Shirky: Nein, nein, nein. Ich sage, dass ein Verbot von Google Mail auf die Angst des Regimes davor schließen lässt, dass seine Bürger frei miteinander kommunizieren, und ich halte diese Angst für berechtigt.

Morozov: Ich glaube nicht, dass es jemals zu einem Verbot sämtlicher E-Mail-Dienste mit Ausnahme eines nationalen Anbieters kommen wird. Man muss sich genau anschauen, in welchem geopolitischen Kontext diese Drohung öffentlich gemacht wurde. Die iranischen Behörden gaben diese Erklärung eine Woche, nachdem Google Gespräche mit der Nationalen Sicherheitsbehörde publik gemacht hatte, heraus. Das war ein überaus günstiger Propagandamoment für die iranische Regierung, die nur die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und sagen musste: „Wir wollen absolut sicherstellen, dass unsere Bürger nicht von der NSA beobachtet werden.“ Das haben sie gemacht. Wieder einmal ein meisterlicher innenpolitischer Propagandaschachzug.

Shirky: Um auf ein anderes Thema zu kommen. Ich glaube, einer der Punkte, an dem die Debatte in die Irre gegangen ist, war, die Bedeutung des Zugangs zu Informationen zu überschätzen und die Bedeutung des Zugangs zu Menschen zu unterschätzen. Dieser Fehler datiert bis auf die Anfänge des Internets zurück. Wenn wir die Hürde der Zensur zwischen dem Westen und China absenken könnten, wenn wir das Goldene Schild einfach entfernen könnten, während die Chinesen dasselbe Maß an Kontrolle über ihre Bürger und deren Kommunikation behalten, dann würde sich nicht viel ändern. Wenn das Goldene Schild uneingeschränkt im Einsatz bleibt, die Kommunikation und Koordination unter den Bürgern sich jedoch verbessern, dann wird sich vieles ändern. Nach dem Erdbeben von 2008 in der Provinz Sichuan konnte man Anzeichen dafür erkennen.

Morozov: Aber meine Frage ist: In welche Richtung würden all diese Veränderungen gehen?

Shirky: Nun gut. Wie Robert Putnam gezeigt hat, schafft Sozialkapital Werte für Menschen innerhalb eines Netzwerks, während es den Menschen außerhalb des Netzwerks Nachteile bringt. Ich glaube nicht, dass Kommunikationsfreiheit automatisch zu prowestlichen Regierungen führt. Das bedeutet, dass ich uneingeschränkt für die Demokratie bin, selbst wenn es sich um illiberale Demokratien handelt, wie sie Fareed Zakaria beschreibt. Ich akzeptiere, dass es nationale Bewegungen geben wird, deren Ziele den außenpolitischen Zielen des Westens entgegenstehen, aber solange diese Länder Demokratien sind, bin ich offen gesagt weniger beunruhigt. Aber noch einmal zu China. Ich glaube, in China sieht es momentan so aus: 2008 gab es das schwere Erdbeben in Sichuan, die BBC bekommt über Twitter Wind davon und die chinesische Regierung über den chinesischen Instant-Messaging-Dienst QQ. Das letzte Mal, als es ein Beben dieser Stärke gab, brauchten die Chinesen drei Monate, um es zuzugeben. Jetzt haben sie nicht mal die Wahl, weil die Welt schon darüber berichtet, während sie gerade ihre Kräfte mobilmachen.

Was geschah, als sie einen ihrer „Friede, Freude, Eierkuchen“-Momente mit der Presse inszenieren wollten? Da begriff auf einmal eine Gruppe von Müttern aus Sichuan, die ihre Kinder verloren hatten, weil die Schulgebäude beim Erdbeben eingestürzt waren, dass hierfür eine minderwertige Bauweise verantwortlich war. Und plötzlich protestieren sie im hellen Tageslicht der Öffentlichkeit, und diese Proteste werden dokumentiert und über QQ verbreitet, und zum ersten Mal ist die chinesische Regierung mit einer radikalisierten Bevölkerung konfrontiert, die vorher in keiner Weise koordiniert war.

Morozov: Ich stimme zu, dass die Fähigkeit der chinesischen Regierung, den Informationsfluss zu kontrollieren, ein Stück weit - und in einzelnen Fällen erheblich - geschwächt worden ist. Werden die Herrschenden aber in der Lage sein, sich an dieses neue Umfeld anzupassen, indem sie neue Propagandamethoden ersinnen? Indem sie selektiv entscheiden, wer worüber berichten darf? Vielleicht. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass dies geschieht. Im vergangenen Jahr starb in der Provinz Yunnan ein junger Mann in Polizeigewahrsam. Statt Tausende von Kommentaren zu zensieren, die sich auf Websites wie der von QQ ansammelten, gestatteten sie den „Netzbürgern“, Dampf abzulassen. Sie forderten sie dazu auf, sich als „Netzbürger-Fahnder“ zu bewerben, und wählten schließlich 15 Personen aus, die ausgesandt wurden, das fragliche Gefängnis zu untersuchen. Sie konnten dort nichts finden und verfassten einen höchst ergebnislosen Bericht darüber. Damit waren die wachsenden Spannungen beseitigt - wohlgemerkt ohne irgendeine offizielle Zensur (erst später fanden die „Netzbürger“ heraus, dass praktisch alle 15 „Fahnder“ Angestellte oder ehemalige Angestellte staatlicher Medien waren). Die Moral von der Geschichte: Wir neigen dazu, die Fähigkeit der Regierung zu unterschätzen, auf manche dieser Nachrichten in einer Weise zu reagieren, die ihre Legitimität und Autorität nicht so unterminiert, wie wir das erwarten.

Morozov: Ich mache mir aber noch über etwas anderes Sorgen, und zwar darüber, wie das Internet den Charakter des politischen Widerstands in autoritären Regimen verändert. Wenn Sie Kierkegaard gelesen haben, werden Ihnen einige subtile Kierkegaardsche Untertöne in meiner Kritik des Twitter-Aktivismus aufgefallen sein. Kierkegaard lebte genau in der Zeit, die Habermas so preist: Cafés und Zeitungen waren in ganz Europa auf dem Vormarsch, eine neue demokratische Öffentlichkeit bildete sich heraus. Kierkegaard aber machte es zunehmend Sorgen, dass immer mehr Meinungen im Umlauf waren, dass es allzu leicht war, Menschen für beliebige Anliegen zusammenzutrommeln, dass niemand sich irgendeiner Sache tief verpflichtet fühlte. Es gab nichts, wofür Menschen zu sterben bereit waren. Ironischerweise ist das auch eines meiner Probleme mit dem wahllosen Charakter des digitalen Aktivismus: Er würdigt unser Engagement für politische und gesellschaftliche Themen, die wirklich wichtig sind und permanente Aufopferung verlangen, herab.

Shirky: Eine der lustigen Sachen, die Habermas im „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ sagt (und lang ist die Liste der lustigen Dinge in diesem Buch nicht), ist, dass die Zeitungen die Öffentlichkeit am meisten beförderten, als es noch keine Redefreiheit gab, so dass die Herausgabe einer Zeitung ein Akt öffentlichen Widerstands war. In ähnlicher Weise ist ein Protest, der bei relativ geringem Risiko relativ leicht zu koordinieren ist, nicht nur als Protest weniger wert, sondern lenkt potentiell auch einige der Energien ab, die anderswo gebraucht werden könnten.

Morozov: Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.

Shirky: Die eine Frage lautet also: Benötigt eine Bewegung einen Märtyrer oder eine Märtyrerin, benötigt sie jemanden, der intellektuell im Mittelpunkt steht und bereit ist, einen Schlag einzustecken, um sich Gehör zu verschaffen? Und die zweite Frage ist: Muss es sich hierbei um eine Einzelperson handeln? Zur Märtyrerin wurde etwa Neda ja erst im Nachhinein. Wir wissen nicht, was sie dachte oder vorhatte. Sie hätte einfach nur mit Freunden auf der Straße sein können, weil dort etwas Interessantes und Wichtiges vor sich zu gehen schien, ohne einen Gedanken an das tödliche Risiko zu verschwenden. Aber ist das genug? Reicht es aus, so etwas wie das Kent-State-Massaker zu haben, bei dem die Nationalgarde auf unbewaffnete Antivietnamkriegsdemonstranten schoss, oder muss es ein Sacharow sein, also jemand, der sich selbst bewusst in Gefahr begibt, bevor diese Gefahr ihn wirklich ereilt?

Morozov: Ich glaube, dass ein Massenprotest einen charismatischen Führer, einen Sacharow braucht, um sein Potential wirklich entfalten zu können. Meine Befürchtung ist, dass es im Twitter-Zeitalter keinen Solschenizyn mehr geben kann. Er würde wahrscheinlich viel früher - und für viel länger - im Gefängnis verschwinden, als dies seinerzeit der Fall war. Ich bezweifle, ob Twitter ihm dazu verhelfen würde, eine stärkere und charismatischere Figur zu werden oder den Mut zu fassen, die erste Seite seines Buchs zu schreiben.

Shirky: Ich glaube, wofür zu kämpfen sich in diesem Zusammenhang lohnt, ist die Fähigkeit der Bürger eines Landes, miteinander zu kommunizieren, und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das nicht ohne politische Folgewirkungen bleibt. Man sitzt nicht einfach herum und wartet darauf, dass Volkswirtschaften zusammenbrechen. Ich glaube, der Grad, in dem Bürger miteinander kommunizieren können, ist wesentlich wichtiger als der Zugang zu Informationen oder die Kommunikation mit dem Ausland. Worüber wir uns Gedanken machen sollten, ist die Redefreiheit, nicht als flammendes Fanal, nicht als politisches Recht, sondern als täglich gelebte Möglichkeit. Wie gedeiht sie? Denn die Welt ist immer noch besser dran, selbst wenn sich in Ländern, in denen die Redefreiheit gedeiht, nichtwestliche Normen in der Bevölkerung ausbilden.

Morozov: Mit Sicherheit. Ich stimme fast allem zu, was Sie soeben nahegelegt haben. Nichtsdestoweniger gibt es noch eine Menge Kleinigkeiten, die das Außenministerium tun muss und gegenwärtig nicht sehr gut macht. Nehmen wir die Sanktionen gegen amerikanische Unternehmen, die angeblich Anfang März aufgehoben wurden. Klingt gut, nicht wahr? Aber wenn man sich die Sache genauer anschaut, stellt man fest: Ein Iraner, der in den Staaten lebt und eine simple Google-Anzeige auf Farsi auf seiner Website plazieren will, um ein bisschen Geld zu verdienen (statt sich von ausländischen Staaten finanzieren lassen zu müssen), kann das noch immer nicht tun.

Es gibt eine Menge kleiner Details wie dieses, an denen man ansetzen könnte. Derzeit scheint mir das Außenministerium wie ein Elefant im Porzellanladen, was ein Jammer ist. Man hätte sich keine schlechtere Zeit aussuchen können, um ein Elefant im Porzellanladen zu sein, denn so, wie sich die Vereinigten Staaten jetzt gebärden, wird man sie für immer in Erinnerung behalten. Wenn die Iraner, die Chinesen und die Russen den Eindruck bekommen, dass das Silicon Valley mit dem Außenamt unter einer Decke steckt, dann dürfte dieser Eindruck eine ganze Weile, vielleicht für immer haften bleiben. (Man versuche mal, Ausländer davon zu überzeugen, dass nicht die Ölmultis in Washington das Sagen haben!) So, wie viele im Ausland - dank acht Jahren George W. Bush - den Eindruck gewonnen haben, dass die Förderung der Demokratie notwendigerweise den Wandel von Regimen einschließt, könnten sie recht bald ähnliche Vorstellungen darüber entwickeln, was unter „Freiheit im Internet“ zu verstehen ist. Ich glaube mithin, die Diplomaten müssen sehr bedacht vorgehen und sich darauf konzentrieren, diese kleinen Probleme auszuräumen, statt zu sagen: Wir sind eine Partnerschaft mit Twitter eingegangen, und die Welt sollte das wissen!

Diese Art von Diplomatie, die auf ausländische Öffentlichkeiten zielt, schreit nach etwas weniger Öffentlichkeit.

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